Als ich den Auftrag bekam, einige Stunden mit einem Obdachlosen zu verbringen und eine Reportage daraus zu machen, war ich verblüfft. „Wie sollte ich das bloß schaffen?“, war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf gegangen ist. Nach meinen Vorstellungen waren Obdachlose schüchterne Menschen, die sich nur ungern in der Öffentlichkeit zeigen. „Man bräuchte bestimmt 2 oder 3 Tage, um das Vertrauen zu gewinnen!“ Trotz dieser Vorbehalte machte ich mich auf den Weg.
Durch Zufall bin ich Jimmy und Fritz begegnet. Ich war eigentlich auf der Suche nach einem anderen Obdachlosen, den ich ein paar Tage vorher kennen gelernt hatte. Doch er war nicht da in der U-Bahnstation Museum König, wo er sich normalerweise aufhält. Es war gegen Mitternacht und entmutigt ging ich zu Fuß Richtung Juridicum. Ich hegte immer noch die Hoffnung, dass ich jemanden finden könnte, der auch bereit wäre, mit mir zu sprechen.
Als ich die U-Bahnstation Juridicum betritt, hörte ich Stimmen. Wem diese leisen Stimmen gehörten, war mir noch unklar: U-Bahnfahrer oder Obdachlose? Als ich um die Ecke bog, wurde es mir klar. Vor mir lagen fünf Obdachlose in Schlafsäcken dicht nebeneinander. Jimmy richtete sich auf und fragte höflich: „Haben Sie vielleicht ein paar Cents für mich“. Dies waren die ersten Worte, die Jimmy mit mir tauschte. Nach diesem Eisbrecher war ich überrascht, wie einfach ich mit Jimmy und seinem Freund Fritz ins Gespräch kam. Bei ihnen musste man überhaupt nicht die Würmer aus der Nase ziehen.
Zwei Stunden habe ich insgesamt mit Jimmy und Fritz verbracht. Trotz der grausamen Sachen, die sie durchlebt haben, waren sie äußerst freundlich und höflich zu mir.
Als das Morgengrauen immer näher rückte, musste ich mich von Jimmy und Fritz verabschieden. Jimmy und Fritz bedankten sich, dass jemand Interesse an ihnen hat. Sie hofften mit unserem Gespräch, die Realität eines Lebens in Obdachlosigkeit wenigstens in kleinen Abrissen etwas näher gebracht zu haben. Es tat gut, sich auszusprechen, sagte Jimmy.
Durch die Recherchen, die hinter dieser Reportage stecken, habe ich eins gelernt: Hinter jedem Obdachlosen steht ein Schicksal. Hinter jedem Obdachlosen steht vor allem ein Mensch. Während den 2 Stunden, die ich mit Jimmy verbrachte, sagte er immer wieder zu mir „das kann jedem passieren“. Das stimmt! Vor seinem Autounfall, bei dem er alles verlor, war er ein Mensch wie jeder andere. Der Unfall stellte sein Leben auf den Kopf, aber er ist trotzdem ein Mensch geblieben. Jimmy hat zwar kein Dach über dem Kopf, aber er ist jemand, mit dem ich gerne nochmal 2 Stunden verbringen würde, selbst wenn ich keine Reportage schreiben müsste.